Lebensmittelpyramiden im Überfluss

6.April 2009  |  Kategorie: Wissenswertes  |  Kommentar schreiben  | 

Bestimmt kennen auch Sie mindestens eine Lebensmittelpyramide. In diesen wollen uns Ernährungsexperten anschaulich darstellen, von welcher Lebensmittelgruppe wir wie viel essen sollten. Die Lebensmittel, die unten im breiten Bereich stehen, sollen häufig gegessen werden, die Lebensmittel, die oben im schmaleren Bereich stehen, sollen seltener gegessen werden. Doch haben Sie sich jemals wirklich daran orientiert? Wahrscheinlich ist es sogar besser, wenn Sie es nicht getan haben. Denn Lebensmittelpyramiden gibt es fast so viele verschiedene wie Ernährungsratschläge. Wie wollen Sie dabei noch erkennen, welche die „Richtige“ ist? (Bild: DGE)

Um das Ganze nicht zu kompliziert zu machen, bleiben wir mit unserer Betrachtung erst einmal in Deutschland. Welche Ernährungspyramide die Richtige ist, das konnten vor 2005 nicht einmal die führenden deutschen Ernährungsberatungsstellen einstimmig bestimmen. Wenigstens das hat sich mit der Einführung einer neuen Pyramide im Jahr 2005 verbessert.  Vorher galten der Ernährungskreis der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die Ernährungspyramide des aid infodienstes als die „richtigen“ Ernährungsschaubilder. Doch diese waren eigentlich immer widersprüchlich. Die DGE hat nämlich immer mehr Obst- und Gemüseportionen und weniger Getreideportionen empfohlen als der aid. Trotzdem wurden sehr viele Broschüren von beiden gemeinsam herausgegeben. Durch die Einführung der neuen Pyramide ist nun auch beim aid das Getreide zu Gunsten von Obst und Gemüse eine Stufe höher gerückt. Den gemeinsamen Broschüren stehen somit in Zukunft keine Widersprüche mehr im Weg.

Doch es gibt noch ganz andere Pyramiden. Hier geht es nicht mehr nur um die Frage, ob mehr Obst und Gemüse oder mehr Getreide gegessen werden soll.

(Bildquelle: was-wir-essen.de)

Der Ernährungswissenschaftler Dr. Nicolai Worm propagiert in seiner LOGI-Pyramide (LOGI = Low Glycemic Index) eine ganz andere Verteilung der einzelnen Lebensmittelgruppen. Er ordnet die Lebensmittel dabei nach ihrem glykämischen Index, das heisst, nach dem Einfluss, den die Lebensmitteln auf den Zuckerspiegel im Blut haben. Worm empfiehlt, vorwiegend Lebensmittel zu essen, die den Blutzuckerspiegel kaum erhöhen. An unterster Stelle steht demnach auch bei Worm Obst und Gemüse. Aber das ist auch so ziemlich das Einzige was mit der neuen Pyramide von DGE und aid übereinstimmt. Denn auf der zweiten Stufe folgen tierische Lebensmittel, sprich Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Eier. Das Getreide, das beim aid bis vor kurzem noch an erster Stelle stand, kommt bei Worm erst an dritter und vierter Stelle. Worm unterscheidet hier zwischen Vollkorngetreideprodukten auf Stufe drei und Weißmehlprodukten, Kartoffeln und Süßwaren, die seltener verzehrt werden sollen, auf Stufe vier.
Schauen wir über die Landesgrenze hinaus, finden wir Lebensmittelpyramiden in allen Variationen. Denn andere Länder haben natürlich wieder andere Lebensmittelpyramiden. Die meisten Länder haben ihre landestypische Lebensmittelpyramide, die in den Grundzügen meist der deutschen Pyramide von DGE und aid ähnelt. Zahlreiche Lebensmittelpyramiden und Empfehlungen aus aller Welt finden Sie auf der Internetseite der FOOD AND AGRICULTURE ORGANIZATION (FAO). Bei den Amerikanern bildet Getreide immer noch die breite Basis, auch wenn diese nicht mehr als Basis erkennbar ist, weil die aktuelle amerikanische Pyramide „gekippt“ wurde. Wenn Sie Animationen mögen und Lust auf eine Präsentation der amerikanischen „my Pyramid“ haben, können Sie sich diese hier anschauen. Etwas außergewöhnlich ist, dass Hülsenfrüchte gleich zweimal auftauchen, nämlich in der Gruppe von Gemüse und in der Gruppe von den tierischen Lebensmitteln. Sollen die Amerikaner diese nun eher häufiger oder eher seltener essen? Oder dürfen sie Hülsenfrüchte in rauen Mengen essen, um damit sowohl ihren Bedarf an Gemüse als auch an Fleisch zu decken? Eis ist bei den Milchprodukten gelandet. Wer keine Milch mag, kann also fortan jederzeit genüsslich ein Eis schlemmen. Zucker und Fett pur – Kalorien satt!
Den Amerikanern reicht jedoch eine Pyramide nicht aus. Sie haben immerhin erkannt, dass eine einzige Pyramide nicht für alle Bevölkerungsgruppen geeignet ist. Von dem Vorgängermodell gibt es deswegen spezielle Abwandlungen für Vegetarier, Diabetiker, Kinder, Senioren, Afroamerikaner und Amerikaner asiatischer Abstammung. Diese sollen Besonderheiten, wie der Tatsache, dass Vegetarier kein Fleisch essen, oder Chinesen keine Milch vertragen, gerecht werden. Ganz klar: Wenn Chinesen keine Milch vertragen, kann ihnen niemand ernsthaft empfehlen, täglich Milchprodukte zu essen. Also brauchen die Chinesen eine andere Empfehlung. Aber was heisst das für uns? Müssen wir trotzdem Milch trinken, auch wenn sie uns gar nicht schmeckt? (Lesen Sie dazu auch den Artikel “Milch = gesund oder ungesund?“.) Oder dürfen wir uns dann an den chinesischen Richtlinien orientieren? Wenn ja, warum suchen wir uns dann nicht gleich die Pyramide aus, die unseren Geschmacksvorlieben am ehesten entspricht?

Aber auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten tummeln sich diverse andere Pyramiden, die auf den unterschiedlichsten Ernährungsphilosophien basieren.

(Bildquelle: was-wir-essen.de)

Da gibt es den Vorreiter der LOGI-Pyramide von Worm, die Low Glycemic Index Pyramid von Ludwig. Im Gegensatz zu Worm ist in dieser Pyramide jedoch kein rotes Fleisch enthalten und es sollen mehr Hülsenfrüchte gegessen werden.

(Bildquelle: was-wir-essen.de)

Die Healthy Eating Pyramid von Willett basiert eigentlich auch auf dem glykämischen Index von Lebensmitteln, sieht aber trotzdem ganz anders aus. Hier befindet sich Vollkorngetreide mit pflanzlichen Ölen auf der untersten Ebene. Kurios ist, dass alle weiteren Getreideprodukte ganz oben in der Spitze der Pyramide stehen, so dass es schwer fallen wird, eine entsprechend große Menge an Vollkorn zu essen oder sollen wir etwa ein paar Liter Pflanzenöl trinken? Erst danach kommen Obst und Gemüse, dann Nüsse und Hülsenfrüchte, danach Fisch, Geflügel und Eier. Milchprodukte dürfen bei Willett durch Calciumtabletten ersetzt werden. Außerdem empfiehlt Willett  Multivitaminpräparate, die bei einer ausgewogenen Ernährung völlig überflüssig sind.  Rotes Fleisch, Butter, Süßigkeiten sowie fast alle Getreideprodukte (Brot, Nudeln und Reis) stehen an der Spitze und sollten möglichst gar nicht gegessen werden. Na dann guten Appetit!

(Bildquelle: was-wir-essen.de)

Der Pionier unter den Pyramidenbauern nach dem glykämischen Index ist Atkins. Bei ihm landen kohlenhydratreiche Lebensmittel, also Brot, Kartoffeln, Nudeln, Reis, Süßigkeiten und Kuchen allesamt an der Spitze der Pyramide und dürfen nur nach anstrengender körperlicher Betätigung vermehrt gegessen werden. Stattdessen sollen eiweißreiche Lebensmittel, wie Eier, Fisch, Fleisch, Geflügel und Sojaprodukte wie Tofu am häufigsten auf den Tisch kommen. Gemüse und Obst bilden die zweite und dritte Ebene, Nüsse, Hülsenfrüchte, Milchprodukte und pflanzliche Öle finden sich in der vierten Stufe.

Jetzt kennen Sie zahlreiche Lebensmittelpyramiden und wissen wahrscheinlich erst recht nicht mehr, an welcher Sie sich orientieren sollen. Am besten wird es sein, Sie werfen alle Pyramiden über Bord und halten sich an die einfache altbewährte Regel: Essen Sie reichlich pflanzliche Lebensmittel, mäßig tierische Lebensmittel und sparsam fettreiche Lebensmittel und Süßwaren.

—>  H I E R  L I D A  B E S T E L L E N  <—

VieVital


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