Bringt Kaffee Körperfett zum Schmelzen?
Macht Kaffe schlank? Wir liessen uns von Paolo Colombani, Ernährungswissenschaftler und Autor des Buches «Fette Irrtümer», über wahre und falsche Ernährungsweisheiten aufklären.
Es ist verwirrend: Wir tapsen durch einen Irrgarten neuster wissenschaftlicher Studien oder Erkenntnisse selbsternannter Ernährungs- und Fitnessgurus. Wem oder an was sollen wir, wenns ums ausgewogene Essen und Trinken geht, überhaupt noch glauben? Paolo Colombani ist Ernährungswissenschaftler und Leiter des «Swiss Food Information Resource»-Projekts der ETH. Für uns analysierte er zehn Diät- und Ernährungsmythen, beziehungsweise Wahr- und Halbwahrheiten.
Über viele Jahre als flüssigkeitsraubendes Aufputschmittel verpönt, gilt Kaffee plötzlich als Allheilmittel: Auch das Fett soll er zum Schmelzen bringen. Was darf der Konsument glauben?
Paolo Colombani:
Beim Kaffee wurde bis vor kurzer Zeit nicht die gesamte Datenlage berücksichtigt und so ein Fehlschluss gezogen. Bereits in den 1920er Jahren gab es Hinweise dafür, dass koffeinhaltige Getränke generell kein Flüssigkeitsräuber sind. Heute ist dies in der Wissenschaft klar, aber die korrigierte Erkenntnis noch nicht überall durchgesickert. Hingegen gibt es bislang keine wissenschaftlichen Daten für die fettschmelzenden Effekte des Kaffees.
Was bringen Light-Produkte?
Sie liefern weniger Energie als das entsprechend «volle» Produkt. Aber viel mehr kann nicht pauschal gesagt werden.
Nimmt man eher zu, wenn man nachts isst?
Dazu kenne ich praktisch keine wissenschaftlichen Daten und eine Aussage wäre somit reine Mutmassung.
Soll man Früchte und Gemüse im Kühlschrank aufbewahren?
Die Kühlung von Früchten und Gemüse verzögert generell ihren natürlichen Verderb. Unreife(s) Früchte/Gemüse reift aber im Kühlschrank entsprechend langsamer und die Regel bestätigende Ausnahmen gibt es natürlich auch hier.
Wo stecken mehr Vitamine und Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe drin: In frischem oder tiefgekühltem Gemüse?
Frisches Gemüse vom Markt und rasch gegessen ist sicher vom ökologischen Aspekt sinnvoller (weniger Energie für die Kühlung), Tiefkühlung von Gemüse verlangsamt aber wie der Kühlschrank den Verderb und den Abbau der Inhaltsstoffe.
Erhöht der tägliche Verzehr von Eiern den Cholesterinspiegel?
Beim einer gesunden Person wird der Cholesterinspiegel praktisch nicht erhöht und dies wurde schon vor rund 60 Jahren entdeckt.
Jeden Tag eine halbe Tafel dunkle Schoggi – und mein Bedarf an antioxidativen Stoffen, die Krebs vorbeugen können, ist gedeckt?
Wenn das so einfach wäre …! Wesentlich sinnvoller für die Krebsvorbeugung ist eine ausreichende körperliche Bewegung: mindestens 30 min pro Tag mit mässiger Intensität – Puls erhöht, aber nicht zwingend zum Schwitzen kommend.
Wenn ich meine Ernährungsgewohnheiten nicht Umstellen möchte – kann ich
ausschliesslich mit Hilfe von Sport abnehmen?
Kaum. Der Abbau von Körperfett durch Sport ist minimal und beträgt für die Meisten unter uns wohl zwischen 10 und 30 g pro Stunde. Um ein Kilogramm abzunehmen bräuchte es somit zwischen 33 und 100 Stunden Sport. Deshalb muss man gleichzeitig auch auf die Ernährung achten.
Gibt es Nahrungsmittel, die den Stoffwechsel und somit die Fettverbrennung anheizen
können?
Eiweisshaltige Nahrungsmittel heizen etwas mehr ein wie fett- oder kohlenhydrathaltige. Der Unterschied ist aber nicht gerade spektakulär … .
Der menschliche Organismus ist nicht auf die Verdauung von Kuhmilch eingerichtet – stimmt das?
Nein. Der Stoffwechsel kann aus Prinzip mit sehr sehr Vielem umgehen. Vereinzelte haben zwar Probleme mit dem Milcheiweiss, andere mit dem Milchzucker. Aber gleichzeitig vertragen viele Milch und Milchprodukte absolut problemlos.
Guter Kaffee, böser Kaffee?
Die meisten von uns können nicht ohne: Mythen über den heißen Wachmacher – und was an ihnen dran ist…
Gehören Sie auch zu denen, die vor ihrem allmorgendlichen Kaffee nicht ansprechbar sind? Dann befinden Sie sich in bester Gesellschaft, denn Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Deutschen: Fast 150 Liter davon trinkt der Durchschnittsbürger pro Jahr. Ganz schöne Menge, aber schließlich schlürft man einen schon morgens, dann gibt es die Kaffeepause im Büro, den Kaffeeklatsch am Nachmittag und vielleicht noch den Espresso nach dem Abendessen.
Viele trinken Kaffee allerdings mit schlechtem Gewissen, denn das Getränk galt lange als Flüssigkeitsräuber. Auch für hohe Cholesterin- und Blutdruckwerte sollte er verantwortlich sein. Wahrheit oder Mythos?
Kaffee entzieht Flüssigkeit? Vermutlich ein Mythos: Forscher kamen zum Ergebnis, dass es keine signifikanten Unterschiede in der Wirkung der verschiedenen Getränke auf den Flüssigkeitshaushalt gibt und Koffein damit keinen negativen Einfluss auf sie ausübt.
Kaffee treibt den Blutdruck nach oben, lässt den Cholesterinspiegel steigen und erhöht das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen? Mythos: Nach heutigem Wissensstand besteht kein Zusammenhang zwischen Kaffeegenuss und dem Auftreten von Herz-Kreislauferkrankungen. Zwar sind – vor allem im Espresso – Substanzen enthalten, die den Cholesterinspiegel erhöhen können, ihre Wirkung ist aber vernachlässigbar gering, sagen Ernährungswissenschafter.
Kaffee ist ganz allgemein ungesund? Mythos: Es gibt sogar Studien, nach denen das Heißetränk eine vorbeugende Wirkung hat. So sollen zwei bis drei Tassen Kaffee pro Tag das Diabetes-Risiko deutlich senken können. Außerdem hat er vermutlich einen positiven Einfluss auf den Blutzuckerspiegel, sogar eine Risikosenkung mancher Krebsarten schreiben manche Forscher dem Bohnenwunder zu. Gute Nachrichten auch für alle Vieltrinker: Wer bis zu zehn Tassen trinkt, rückt damit seinen Fettpölsterchen zu Leibe.
Ein Effekt ist unbestritten und wichtig: Kaffee macht uns wach und leistungsfähig. Erkennt man schon am Namen. Denn der stammt wahrscheinlich aus dem Türkischen und bedeutet Kraft und Stärke.
Und versprachen uns nicht schon der Melitta-Mann und Herr Angelo (der nette Italiener, der “gar keine Auto” hat) ein schöneres Leben mit Kaffee? Also Schluss mit frustig und genießen Sie Ihren Kaffee nicht nur sorgenfrei, sondern mit dem beruhigenden Gefühl, auch ihrer Gesundheit einen guten Dienst zu erweisen.
























